Ängste digital therapieren

Wie digitale Anwendungen zur Gesundheit von Versicherten beitragen können.

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Das Start-up Sympatient hat eine digitale Psychotherapie für Angstpatienten entwickelt, mithilfe von Virtual Reality (VR). Die TK bietet ihren Versicherten als erste Krankenkasse eine solche komplett leitliniengerechte Behandlung an.


in schneller Behandlungsstart ohne Wartezeiten ist für Angstpatienten sehr wichtig. „Das macht Invirto möglich. Betroffene können schnell mit einer sehr guten Therapie beginnen“, erläutert Christian Angern, einer der drei Gründer des Hamburger Start-ups Sympatient.

Invirto, so heißt die digitale Therapie, die auf VR und eine dazugehörige App setzt. Im ersten Schritt untersucht ein Therapeut oder eine Therapeutin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) die Teilnehmer im Rahmen einer psychotherapeutischen Diagnostik, anschließend bekommen sie eine VR-Brille und einen App-Zugang. Damit können sich die Patienten dann von zu Hause aus zu ihrem Krankheitsbild informieren und sich – wenn sie sich dazu bereit fühlen – virtuell mit der VR-Brille an die Orte begeben, die ihre Angst auslösen. Das kann etwa ein Aufzug oder eine U-Bahn sein. Zusätzlich werden sie telefonisch von Therapeuten des UKSHs begleitet.

Invirto begann mit einer Pilotstudie des Psychologen Julian Angern am UKSH. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Christian Angern und Benedikt Reinke gründeten sie 2017 dann Sympatient. „Digitale Therapien haben den großen Vorteil, dass die Patienten die Therapie flexibel in ihrem eigenen Tempo absolvieren können“, sagt Christian Angern. Seitdem Sympatient und die TK die neue Therapieform öffentlich vorgestellt haben, ist viel passiert: „Wir haben täglich neue Anfragen von Patienten, die gerne an der Therapie teilnehmen möchten, und auch von Therapeuten, die Invirto für ihre Patienten anbieten möchten.“

Die Konfrontation mit der Angst ist real

Supermarktbesuche, Bahnfahrten, Aufzüge – diese Situationen gehören für viele Menschen zum Alltag. Für Menschen mit Angststörungen sind sie unangenehm oder unerträglich.

Dr. Bartosz Zurowski

Dr. Bartosz Zurowski, Oberarzt und Leiter des Bereichs Angst- und Zwangsstörungen am UKSH-Campus in Lübeck, erklärt im Interview das Krankheitsbild und beschreibt, wie Invirto Betroffenen helfen kann.

Angst vor Spinnen kennen viele – aber was genau ist eine Angststörung?

Dr. Bartosz Zurowski Angst vor Spinnen, die sogenannte Arachnophobie, oder Flugangst sind den meisten ein Begriff. Gravierender sind die Einschränkungen aber für Betroffene, die vor allem bei den klinisch bedeutsamen Störungen auftreten. Dazu zählen die Agoraphobie, bei der sich Betroffene in Menschenmengen oder an bestimmten Orten unwohl fühlen, oder auch Panikstörungen. Alle Angststörungen sind mehr oder weniger erblich mitbedingt. Aber auch einschneidende Ereignisse wie ein schwerer Unfall, der Verlust von nahen Angehörigen oder Drogenkonsum tragen zur Entstehung bei.

Wie stark kann die Krankheit Patienten einschränken?

Zurowski Das Spektrum ist sehr breit. Anfangs äußern sich Angststörungen meist durch sehr diffuse Symptome wie Schweißausbrüche, Herzklopfen oder Übelkeit. Im weiteren Verlauf können dann die berufliche Tätigkeit und gesellschaftliche Teilhabe eingeschränkt oder nicht mehr möglich sein. Ich kenne einen Fall, bei dem ein Patient 27 Jahre lang seine Wohnung nicht verlassen hat. Angststörungen sind in der Regel jedoch gut behandelbar.

„Die Zusammenarbeit mit Sympatient war für uns sehr spannend, und wir haben gemerkt, wie beide Seiten profitieren und offen für Neues sind. Das öffnet den Blick, wenn man sich mit innovativen Lösungen für die Zukunft beschäftigt.“

Dr. Anne Moschner, Team Versorgungsmanagement der TK

Wie kann Invirto als digitale Therapie Betroffenen helfen?

Zurowski Die App erleichtert den Einstieg in eine Psychotherapie. Denn für Betroffene ist es entscheidend, früh und niederschwellig ihre Störung zu behandeln. Andere Apps bieten meist nur informierende Sequenzen an, keine konfrontativen Elemente. Invirto stärkt außerdem das Selbstwirksamkeitsprinzip: Die selbstbestimmte Entscheidung, sich den Ängsten zu stellen. Das körperliche Erlebnis in der virtuellen Realität ist dasselbe wie im realen Leben – die Angst ist also „echt“. Im Behandlungsverlauf erfasst die App die psychische Stimmung anhand eines Fragenkatalogs und spielt korrigierende Elemente ein. In schwierigen Phasen erhalten die Patienten außerdem therapeutische Hilfe.

Eine App für die Psychotherapie – das löst vermutlich auch Skepsis aus …

Zurowski Konkret bei Invirto sehe ich dafür keinen Anlass. Sie ist eine Ergänzung, Erweiterung und für nicht wenige ein Angebot ohne eine praktikable Alternative. Insbesondere durch die Konfrontationen. Es wird höchste Zeit, dass wir diese digitalen Techniken in der ambulanten Versorgung einsetzen. Ich bin optimistisch, dass wir damit die Behandlung entscheidend verbessern.