„Wir haben uns getraut zu fragen, wo Gewalt anfängt.“

Die Pflegeeinrichtungen der Tönebön Stiftung haben gemeinsam mit der TK ein Projekt zur Prävention von Gewalt initiiert.

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ohann Moor greift fest zu. Er packt den blonden Pferdeschwanz und zieht. Er zieht weiter und versucht, den Kopf von Angelika Rudolf nach hinten zu reißen. „In so einer Situation ist es wichtig, einen festen Stand zu haben und das Gewicht nach vorne zu verlagern“, erklärt sie und befreit sich aus dem festen Griff. Mit einem Lächeln sortiert sie ihre Haare und blickt in die Runde: „Jetzt sind Sie dran.“

Angelika Rudolf ist Leiterin einer Pflegeeinrichtung im niedersächsischen Hameln, die zur Julius Tönebön Stiftung gehört. An diesem Tag gibt sie einen Workshop für Johann Moor und weitere Mitarbeitende aus verschiedenen Pflegeeinrichtungen. Das Thema: Prävention und Intervention im Umgang mit besonders herausforderndem Verhalten und Gewalt in Pflege- und Betreuungsberufen. „Wir sprechen darüber, wie wir körperliche und psychische Gewalt überhaupt definieren, und machen uns in Rollenspielen bewusst, wie schnell Situationen eskalieren können“, erklärt Angelika Rudolf.

„Ich bin sehr beeindruckt, mit welcher Motivation die Mitarbeiter bei PEKo dabei sind – das spricht für das Thema.“

Marco Sander, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Universität zu Lübeck und ehemaliger Altenpfleger

Oft auf Widerstände gestoßen

Der Workshop ist Teil eines besonderen Projekts, das es ohne sie weder hier in Hameln noch in mittlerweile bundesweit 50 weiteren Einrichtungen geben würde. „Der Umgang mit Gewalt in der Pflege beschäftigt mich schon lange, weil es im Pflegealltag immer wieder zu sehr herausfordernden Situationen kommt. Aber wenn ich das Thema angesprochen habe, bin ich oft auf Widerstände gestoßen. Überall habe ich gehört: ,Nein, bei uns gibt es das nicht.‘ Ich wollte aber unbedingt erreichen, dass wir uns in unseren Einrichtungen dazu positionieren – nicht zuletzt wegen einer schweren Kieferverletzung einer Kollegin durch einen Bewohner.“

Im Rahmen einer Veranstaltung trifft sie Ursula Meller aus dem Gesundheitsmanagement der TK, die mittlerweile in Rente ist und das Projekt an Vera Ünsal übergeben hat. Ein Treffen zur richtigen Zeit. Gefördert und fachlich begleitet durch die TK und in Zusammen­arbeit mit der Universität zu Lübeck entsteht 2018 das Gewaltpräventionsprojekt „PEKo“. Was genau PEKo (Partizipative Entwicklung und Evaluation eines multimodalen Konzeptes zur Gewaltprävention in stationären Pflegeeinrichtungen) bewirkt, das kann man rund vier Kilometer weiter am Stadtrand von Hameln in der Einrichtung „Tönebön am See“ erleben. Hier wohnen 76 Menschen mit Demenz in Deutschlands erstem Demenzdorf.

Angelika Rudolf zeigt, wie sie sich bei einem Griff in die Haare befreit.

PEKo

An dem durch die TK geförderten Projekt PEKo sind mittlerweile rund 50 Einrichtungen beteiligt. Sie werden durch die Studienzentren Universität zu Lübeck, Hochschule Fulda und Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg begleitet. Zusammen mit den Pflege­einrichtungen wird in dem jeweils einjährigen Projekt ein individuelles Konzept zur Prävention von Gewalt erarbeitet und implementiert.

peko-gegen-gewalt.de

Das Konzept: Die Bewohner dürfen in ihrer eigenen Welt leben – sie werden an nichts gehindert, außer, es bringt sie oder andere in Gefahr. Sie wohnen in sechs Häusern wie in einer WG, jedes Haus hat seine eigene Küche. Den Einkauf übernehmen Bewohner und Betreuer – sogenannte Alltagsgestalter – im hauseigenen Minimarkt. Tönebön am See ist eine besondere Einrichtung, wurde bereits in Fernseh- und Zeitungsreportagen gewürdigt. „Ausgerechnet ihr? Was habt ihr mit Gewalt zu tun?“ An diese Reaktionen erinnert sich Kerstin Stammel, Qualitätsmanagement- und PEKo-Beauftragte. „Dabei ist Gewalt doch überall in der Gesellschaft präsent. Wir haben uns getraut zu fragen, wo sie für uns anfängt. Ist es Gewalt, wenn ich einen Bewohner zum Duschen zwinge? Ja! Auf der anderen Seite werden immer wieder Mitarbeiter verletzt. Ich habe oft gehört, dass man das als Pflegekraft doch hinnehmen müsse. Ganz klar: Nein!“

In monatlichen Treffen hat das Hamelner PEKo-Team mit der Universität zu Lübeck ein Konzept entwickelt. Dazu gehört ein Fragebogen, in dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schriftlich über Situationen berichten können, in denen sie Gewalt erlebt, ausgeübt oder beobachtet haben – physisch oder psychisch. Anschließend geht der Bogen an das Vertrauensteam, das die Situation bewertet, mit den Beteiligten spricht oder Fallbesprechungen im Team durchführt. „Wir merken, dass sich etwas verändert hat. Zu Beginn wurden die Bögen anonym in einen Briefkasten geworfen.

PEKo-Beauftragte Kerstin Stammel sagt, dass sich die Atmosphäre im Team verändert hat.
25,3

Tage im Jahr fehlen Altenpflegekräfte durchschnittlich wegen Krankheit, Berufstätige insgesamt 14,9 Tage. Das zeigt der TK-Gesundheitsreport 2019.

Mittlerweile sprechen wir untereinander Situationen offen an, weil die Kultur dafür da ist“, berichtet Kerstin Stammel – und wer ihr zuhört, spürt ihre Begeisterung. „Die Mitarbeitenden sind sensibilisiert, sich frühzeitig aus heiklen Situationen zurückzuziehen. Dabei ist es auch besonders wichtig, die Angehörigen einzubeziehen und ihnen zu erklären, dass wir einen Bewohner eben nicht gegen seinen Willen duschen.“

Dinge offen ansprechen

Auch Sonja Praus, Alltagsbegleiterin in der Einrichtung, beschreibt positive Veränderungen: „Ich bin wachsamer und feinfühliger geworden. Dazu gibt es mir viel Sicherheit zu wissen, dass ich die Dinge offen ansprechen kann. Ich beobachte, dass unser Team an dem Projekt gewachsen ist.“ Die Einrichtung hat nach Projektende im Sommer 2019 das Konzept selbstständig weitergeführt. Und das Hamelner PEKo-Team der ersten Stunde um Angelika Rudolf freut sich, auf wie viel Resonanz das Projekt bundesweit stößt. „PEKo ist mein Baby, und da ist man schon ein bisschen stolz“, sagt Angelika Rudolf – und das völlig zu Recht.

Gegenseitiges Vertrauen ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Pflege.