Unterstützung digital und analog

Pflege: Ein Thema, zwei Perspektiven - was pflegende Angehörige brauchen, ist individuell unterschiedlich.

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Pflege ist individuell: Um ihre Angebote für Pflegebedürftige und deren Angehörige so weiterzuentwickeln, dass sie den Pflegealltag einfacher machen, arbeitet die TK gemeinsam mit pflegenden Angehörigen an digitalen und analogen Ideen. Zwei Pflegende erläutern, was Pflege zu Hause bedeutet - und was sie brauchen.


Detlev Wriede

Detlev Wriede ist 65 und in Rente – er und seine Frau widmen viel Zeit der Pflege seiner Mutter, die noch allein in ihrem Haus lebt.

Wie ist Ihre Pflegesituation?

Detlev Wriede Meine Frau und ich pflegen seit Jahren meine inzwischen 96-jährige Mutter. Wir sind drei- bis viermal pro Woche bei ihr, besprechen mit ihr ihre Einkaufsliste und kaufen dann ein, koordinieren ihre Arztbesuche und begleiten diese. Wir gehen zur Apotheke und helfen beim Einnehmen der Tabletten. Wir kümmern uns um den Müll, die Zeitung, helfen ihr beim Telefonieren und erledigen so gut wie alles, was anfällt. Meine Mutter sieht sehr schlecht, deshalb kann sie schriftliche Dinge nicht allein machen. Teilweise hatten wir einen Pflegedienst zur Unterstützung, als es ihr gesundheitlich nicht gut ging.

Sie lebt noch allein in ihrem Haus, das aber eigentlich für ihr Alter nicht mehr geeignet ist: Das Wohnzimmer ist im Erdgeschoss, das Schlafzimmer oben, die Vorräte im Keller, sie muss also immer Treppen steigen. An dieses Thema müssen wir als nächstes ran und etwas ändern, aber meine Mutter möchte natürlich am liebsten zu Hause bleiben und auf keinen Fall in ein Heim.

„Nur digital hilft mir nicht weiter.“

Detlev Wriede

Was wünschen Sie sich dabei von Ihrer Pflegekasse?

Wriede Ich erlebe das System Pflegekasse als sehr kompliziert. Obwohl ich schon seit Jahren damit zu tun habe, ist es nicht wirklich durchschaubar. Wir hatten jetzt, als meine Mutter krank war, einen Pflegedienst zur Unterstützung im Einsatz. Wenn es dann heißt „Sie haben Anspruch auf Sachleistungen“, bleibt schwer verständlich, wer dann genau was zahlt und was nicht bezahlt wird. Das sollte einfacher geregelt werden. Dazu kommen die Schwierigkeiten, die nicht direkt etwas mit der Pflegekasse zu tun haben: Es ist zum Beispiel ein Problem, einen Pflegedienst zu finden oder wenn Pflegedienste unzuverlässig sind.

Sie haben an TK-Workshops mit pflegenden Angehörigen teilgenommen und dort über neue Angebote diskutiert. Welche Veränderungen halten Sie für besonders wichtig?

Wriede Ich wünsche mir noch mehr gut und verständlich aufbereitete Informationen – auf das Wichtigste beschränkt. Zum Beispiel die zehn wichtigsten Infos, kurz zusammengefasst – am besten alles zum Nachschauen für zu Hause. Digital hilft mir da nicht unbedingt weiter. Wenn ich eine App habe, muss ich mit der auch erstmal zurechtkommen. Mir wird es zu kompliziert, wenn ich mir die Informationen, die ich brauche, über viele Links zusammensuchen muss – anstatt sie gebündelt vor mir zu haben. Im Workshop haben wir an einer Informationsbox für zu Hause gearbeitet, die fand ich gut.

Claudia Kirsten

Claudia Kirsten ist selbstständig und pflegt ihre Mutter, die im gleichen Haushalt in Hamburg lebt. Sie übernimmt den überwiegenden Teil der Pflege.

Wie ist Ihre Pflegesituation?

Claudia Kirsten Ich pflege meine Mutter schon seit Jahren hier bei uns zu Hause. Einen Pflegedienst haben wir nicht beauftragt. Ich bin berufstätig und mein Mann und meine vier erwachsenen Kinder unterstützen mich, aber die Hauptlast der Pflege trage ich. Das liegt auch daran, dass ich bei der Versorgung aufgrund der jahrelangen Praxis die Versierteste bin. Meine Mutter ist an Demenz erkrankt und Stomapatientin, hat also einen künstlichen Darmausgang. Das ist nicht einfach und kostet oft viel Kraft, aber wir haben uns bewusst dazu entschieden, dass sie zu Hause bleiben soll.

„Ich muss mir Wissen hart erarbeiten.“

Claudia Kirsten

Welche Unterstützung brauchen pflegende Angehörige?

Kirsten Eine große Herausforderung ist, dass man sich als pflegende Angehörige das notwendige Wissen hart erarbeiten muss. Ich habe mir alles, was ich weiß, über Jahre angeeignet. Aus meiner Sicht brauchen pflegende Angehörige von Anfang an strukturiertes Wissen, allein schon, was die Organisation und Bürokratie angeht. Es ist schön und gut, ein Anrecht auf Kurzzeitpflege zu haben. Die Information, dass es sehr schwierig ist, einen Kurzzeitpflegeplatz zu bekommen, hätte mir persönlich viel Ärger erspart. Bei unserem ersten Urlaub als pflegende Angehörige waren wir mit der Suche nach einem Platz viel zu spät dran.

Im Pflegealltag entstehen ständig neue Fragen: Wann muss ich mich an welcher Stelle um was kümmern? Und was muss ich dabei berücksichtigen? Solche Informationen gleich zu Beginn der Pflegesituation zu haben, würde viele Angehörige entlasten. Meine Mutter ist beihilfeberechtigt, das macht die Bürokratie nochmal komplizierter. Manchmal habe ich das Gefühl, das „Drumherum“, also der bürokratische Aufwand und sich das nötige Wissen anzueignen, kosten mehr Energie und Nerven als die eigentliche Pflege.

Wie kann ein digitales Angebot Angehörigen helfen?

Kirsten Ich glaube, dass mir ein digitales Angebot den Alltag erleichtern kann, das Wissen strukturiert und bündelt, praktische Tipps für die jeweilige Situation gibt, vielleicht bei der Suche nach einem Kurzzeitpflegeplatz hilft und vor allem die Bürokratie minimiert. Zum Beispiel, indem ich direkt zu Antragsformularen verschiedener Stellen und Behörden navigiert werde. Die Recherche nach Informationen oder die Terminverwaltung mache ich zwar schon digital, aber auch das kostet Zeit, weil eben nicht alles strukturiert an einer Stelle vorliegt.